Was genau ist die Technologie und was macht sie so innovativ?
"Wir können vollständig auf klassische Kältemittel verzichten und nutzen stattdessen magnetokalorische Materialien. Werden diese magnetisiert, erwärmen sie sich, beim Entmagnetisieren kühlen sie ab. In unserem System wird Wasser durch dieses Material geleitet, so erzeugen wir Kälte und geringe Abwärme. Die Technologie ist grundsätzlich für nahezu alle kältetechnischen Anwendungen geeignet – von Pluskühlung bis Tiefkühlung. Aktuell erreichen unsere Systeme zuverlässig Temperaturen zwischen 0 und 30 Grad Celsius, perspektivisch sind auch -5 bis +50 Grad sowie Tiefkühlanwendungen möglich. Der Energiebedarf liegt deutlich unter jenem herkömmlicher Systeme, gleichzeitig fällt weniger Abwärme an, die sich auch nutzen lässt. Zudem arbeitet unser System nur 1–2 Kelvin über der Raumtemperatur, was die Effizienz weiter steigert. Und mit nur 1 bar Betriebsdruck ist die Lösung besonders sicher und wartungsfreundlich."
Warum ist das Know-how von MAGNOTHERM einzigartig?
"Unsere Stärke liegt in der Kombination aus Materialwissenschaft und klassischem Maschinenbau. Drei technologische Durchbrüche machen unser System marktreif: Erstens haben wir ein sehr stabil laufendes System entwickelt, das skalierbar ist. Zweitens können magnetokalorische Materialien inzwischen zu realistischen Kosten in Serie produziert werden. Drittens ist unser Konzept auf Leistungen von 50 kW bis 500 kW übertragbar. Es gibt zwar auch andere Alternativen zur Gaskompression, unser System ist jedoch am weitesten entwickelt. Betrachtet man den Markt, so steigt die Zahl der Patente in diesem Bereich, funktionsfähige Prototypen sind weltweit aber noch sehr selten."
Welche Vorteile bietet das Konzept?
"Es kommen keine klimaschädlichen Gase und keine giftigen Betriebsmittel zum Einsatz. Das System arbeitet mit Wasser als Kühlmedium, ist sehr leise, laufruhig und durch den geringen Arbeitsdruck besonders sicher. Zudem zeigt das magnetokalorische Material keine Ermüdung, was eine lange Lebensdauer verspricht. In ersten Praxistests – etwa bei einer umgebauten Kühlinsel eines Handelspartners, die zuvor mit Propan betrieben wurde – konnten wir eine Effizienzsteigerung von rund 15 Prozent feststellen. Langfristig halten wir Effizienzgewinne von bis zu 30 Prozent für realistisch. Nachteile sind aktuell noch die größere Bauform, das höhere Gewicht und die höheren Kosten im Vergleich zu herkömmlichen Systemen. Auch die Leistung ist derzeit noch ausbaufähig."
Welche zentralen Herausforderungen stehen MAGNOTHERM bei der Weiterentwicklung der Technologie bevor?
"Als zentrale Aufgaben sehen wir den weiteren Aufbau der Supply Chain, die Senkung der Kosten und die Weiterentwicklung der Technologie mit den konkreten Kundenanforderungen zu verknüpfen. Das Interesse aus dem Markt ist groß: Auf Messen erhalten wir viel positives Feedback und erste Pilotkunden, wie die REWE Group, sind bereits an Bord. Ein technischer Fokus liegt zudem auf der Optimierung der Abwärmeabfuhr, etwa um die Luft-Wärmetauscher in den Kühlmöbeln einfacher reinigen zu können."
Welche Investitions- und Betriebskosten sind mit magnetischen Kühlsystemen verbunden?
"Die Investitionskosten liegen derzeit noch über denen klassischer Systeme. Dennoch ist das Potenzial vor allem dort groß, wo Wartung heute teuer oder schwierig ist. Im Betrieb lassen sich Komponenten für das magnetokalorische System schnell tauschen, klassische Kältemittelkosten entfallen vollständig und die Energie- und Wartungskosten sinken deutlich. Die teuerste Einzelkomponente ist aktuell der Permanentmagnet. Perspektivisch werden aber die Kosten durch Skalierung und Wiederverwendung der Komponenten weiter sinken."
In welche Kühlmöbel kann die magnetische Kühlung integriert werden?
"Aktuell ist das System auf Normal- und Pluskühlung ausgelegt. Gemeinsam mit dem Kühlmöbelspezialisten HAUSER haben wir den „Renimag“-Prototyp entwickelt, der rund 1 kW Leistung liefert. Die Integration in Kühlmöbel funktioniert dort besonders gut, wo passende Wassertemperaturen erreicht werden können. Das Interesse ist international hoch – unter anderem aus den USA aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen, aber auch aus Südafrika und Australien. Für Kunden besonders attraktiv sind die zentrale, wartungsarme Kühlung mehrerer Möbel, die hohe Energieeffizienz sowie die einfache Austauschbarkeit von Komponenten. Langfristig können wir auch als Lieferant magnetokalorischer Materialien auftreten. Wir sind hier im Gespräch mit möglichen Partnern."
Welche Ergebnisse haben die Tests mit dem Renimag-Prototyp hervorgebracht?
"Die Tests zeigen klar, dass das System in der Praxis funktioniert: Die Zieltemperaturen werden erreicht, der Betrieb ist sehr leise und stabil. Gemeinsam mit unseren Partnern arbeiten wir nun gezielt an der weiteren Effizienzsteigerung und an der Serientauglichkeit. Weitere Tests, etwa bei Hauser in der Klimakammer, sind geplant, um das System zur reifsten Lösung am Markt weiterzuentwickeln."
Welche weiteren Einsatzmöglichkeiten bietet die Technologie?
"Unser erstes Produkt war der „Polaris“-Getränkekühler, etwa für Coca-Cola, gefolgt vom „Eclipse 2D“-Kühlmodul mit 1 kW Leistung als Kühlschrank-Prototyp. Aktuell steht die Gewerbekälte im Mittelpunkt. Darüber hinaus sehen wir großes Potenzial in der Maschinen- und Elektronikkühlung, etwa für IT-Infrastruktur und Rechenzentren. Auch mobile Klimaanlagen, medizinische Geräte und Laboranwendungen sind spannende Einsatzfelder – überall dort, wo ein leises, sicheres und wartungsarmes Kühlsystem gefragt ist."
Was hält die Zukunft für MAGNOTHERM und die magnetische Kühlung bereit?
"Unser Ziel ist es, die Technologie so schnell wie möglich am Markt zu etablieren, die Lieferkette weiter auszubauen und neue Partnerschaften in der gewerblichen Kälte zu schließen. Gleichzeitig wollen wir die Leistungsbereiche und Temperaturfenster erweitern – etwa in Richtung Rechenzentrumskühlung. Unser Anspruch ist es, die Kältetechnik nachhaltig zu verändern. Das gelingt nur gemeinsam mit starken Partnern. An diesem Anspruch richten wir alle unsere Entscheidungen aus – mit dem klaren Ziel, der magnetokalorischen Kühlung zum Durchbruch am Markt zu verhelfen und damit den Umbruch zu kältemittelfreien Systemen einzuläuten."
